Mit dem Lehren aufhören…

Am 30. April 2015 endete meine aktive Dienstzeit als Lehrer und Seminarausbilder; auf der Verabschiedungsfeier des Zentrums für schulpraktische Lehrerausbildung in Siegen sicherte ich mir das „letzte Wort“:

„Jeder Lehrer muß lernen, mit dem Lehren aufzuhören, wenn es Zeit ist. Das ist eine schwere Kunst.“

Als wir die Gestaltung der Einladungskarte für das heutige Event überlegt haben, ist meine Frau beim Suchen im Internet auf dieses Brecht-Zitat gestossen und für uns beide war sofort klar, dass dieses Zitat paßt / trifft. Es trifft mich, betrifft mich, trifft auf mich zu. Literaturunbeflissen wie ich bin, wurde mir die Doppeldeutigkeit der Brechtschen Aussage erst nach weiterer Recherche klar.

Klar, die Kunst aufzuhören, etwas zu Ende zu bringen, beherrsche ich nicht; eigentlich war schon im September 2014 die Zeit dazu da, ich habe die Verlängerung meiner Dienstzeit um sieben Monate beantragt mit der Begründung, den angefangenen Jahrgang zu Ende zu bringen. Aber vielleicht war der wirkliche Grund, dass ich das Ende einfach nur aufschieben wollte oder dass ich unbedingt am Ende eine / diese Rede halten wollte, die aber im letzten Sommer noch nicht fertig war.

Ich hab mir also noch zusätzliche Zeit verschafft, um besser zu lernen, mit dem Lehren aufhören zu können.

Doppeldeutigkeit: ich hab gesucht, aus welchem Kontext das Zitat stammt und in Bertold Brechts „me-ti. Buch der Wendungen“ folgendes gefunden:

Die Wenigsten (Lehrer) sind imstande, sich zu gegebener Zeit von der Wirklichkeit vertreten zu lassen. Die Wenigsten wissen, wann sie mit dem Lehren fertig sind. Es ist freilich schwer, zuzusehen, wie der Schüler, nachdem man versucht hat, ihm die Fehler zu ersparen, die man selber begangen hat, nunmehr solche Fehler macht. So schlimm es ist, keinen Rat zu bekommen, so schlimm kann es sein, keinen geben zu dürfen.

In diesem Kontext bekommt das erste Zitat einen ganz anderen Sinn. Der Lehrer als Lehrer soll erkennen, wann er aufhören soll, zu lehren und Ratschläge zu geben. Dahinter steht die Überzeugung, dass der Mensch aus und durch eigene, gemachte Erfahrungen, auch durch eigene gemachte Fehler lernt.

Wenn ich es noch durch einen Gedanken ergänze, der so im Brechtschen Kontext nicht vorkommt, dass nämlich ein Ratschlag nicht nur ein wollgemeinter Rat, sondern immer auch ein Schlag ist, dann finde ich auch diese Deutung für mich treffend, da sie gleichsam meinen beliefs entspricht.
Theoretisch zumindest, denn ich muss zugeben, auch mit fällt es zuweilen sehr schwer, keinen Rat geben zu dürfen.

Insofern bin und bleibe ich Lehrer und werde / wurde häufig auch als solcher erkannt. Zu letzterem eine kleine Anekdote, die ich jetzt erzähle, obwohl einige von euch / ihnen sie schon kennen: zweite Hälfte des 90er Jahre, Westfalenstadion (damals hieß das noch so), Südtribüne; Borussia Dortmund spielt nach vorne, Michael Zorc treibt den Ball und spielt dann in die Füße des Gegners; hinter mir brüllt einer: Wechsel den Möller aus! Ich drehe mich um zu ihm und sage: Mensch, guck doch genau hin, das war nicht Möller, das war Zorc! Der Angesprochene sieht mich scharf an und sagt: „Lehrer. Halt die Klappe“.

An dieser Anekdote könnte man auch deutlich machen, warum selbst ein sehr treffender und richtiger Ratschlag nicht die erhoffte Wirkung hat: mein Gegenüber war überzeugt, dass Andreas Möller eine Pfeife war und deshalb sah er, was er sehen wollte; wahrscheinlich hat mein guter Rat ihn noch in seiner (falschen) Überzeugung gestärkt.

(…)

Redetext komplett: rede_april_30_v02

 

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Lehrer(innen)Bild

„…unbewußt lehren wir (Lehrerinnen und Lehrer) immer, wer wir sind“

Ich arbeite seit mehr als drei Jahrzehnten in der Lehrerausbildung und leitete seit 2004 bis April 2015 das „Seminar für das Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen“ am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung (früher: Studienseminar für Lehrämter an Schulen) in Siegen.

Dieses Seminar organisiert, gestaltet und verantwortet die zweite Ausbildungsphase der Lehrerinnen und Lehrer, die an allgemeinbildenden Schulen mit gymnasialer Oberstufe arbeiten wollen. Die Kooperationspartner bei der Lösung dieser Aufgabe sind demgemäß die neunzehn Gymnasien, drei Gesamtschulen und drei Weiterbildungskollegs der Region (der Kreise Siegen-Wittgenstein und Olpe).  Es bildet für eine vielfältige und facettenreiche Schullandschaft und eine heterogene Schülerschaft aus, das wird bereits beim näheren Blick auf die Ausbildungschulen deutlich: das Spektrum reicht  von der großstädtischen Gesamtschule und dem großstätdischen Gymnasium bis zum Gymnasium in privater Trägerschaft im idyllischen Sauerland, das Schüler- bzw. Studierendenklientel reicht vom zehnjährigen Fünftklässler bis zum Erwachsenen mit abgeschlossener Berufsausbildung, der noch  weiterführende Schulabschlüsse erreichen will. Die Region ist also Spiegelbild des Situation im Lande Nordrhein-Westfalen.

Die zentrale Aufgabe des Seminars besteht  darin, die zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer auf ihre Arbeit in diesem breiten und differenzierten Feld vorzubereiten, ihnen Erfahrungen in diesem Feld zu ermöglichen, sie bei diesem Prozess konkret zu begleiten, mit ihnen gemeinsam diese Erfahrungen zu reflektieren und ihnen Möglichkeiten zu eröffnen, ihren Professionalisierungs-prozess selbstreflexiv und eigeninitiativ zu  gestalten und ihre beruflichen Handlungskompetenzen in einem (berufs-)lebenslangen Prozess aktiv weiterzuentwickeln. Dieser Aufgabenbeschreibung zugrunde liegt das Bild von einer (zukünftigen) Lehrerin / einem Lehrer, die / der kompetent und sicher in ihren / seinen Fächern, darüberhinaus und vor allem aber  auch Expertin / Experte für „Lernen“ ist, also Experte für die Beantwortung von Fragen wie: „unter welchen Bedingungen lernen Menschen wirklich nachhaltig und am besten?“  „Wie kann ich, wie kann Schule den unterschiedlichen Lerntypen gerecht werden?“ „Wie kann der Einzelne in seinem Lernen am besten gefördert und gefordert werden?“

An der Wand über dem Schreibtisch in meinem Büro hängen zwei „Sprüche“, die Botschaften an Lehrerinnen und Lehrer enthalten (und Arbeiten des niederländischen Erziehungswissenschaftlers und Psycholgen Fred Korthagen entlehnt sind); ich habe sie aufgehängt, weil ich denke, in ihnen wird das „LehrerSein“, werden die Bilder von der Lehrerin / dem Lehrer und von ihrer / seiner Arbeit auf den Punkt gebracht:

„Bewußt lehren wir, was wir wissen,

unbewußt lehren wir, wer wir sind“

 

„Die Hauptfrage der Didaktik ist: 

wie kannst du das eigene Denkvermögen deiner Schüler und Studierenden

 produktiv werden lassen?“ 

 

Die hohe Bedeutsamkeit und Wichtigkeit des Kerngedankens des zweiten Zitates erklärt, warum in den letzten Jahren in deutlich zunehmendem Maße Ideen des Konzeptes des „cooperative learning“ (Norm Green und andere) in meiner und unserer Ausbildungsarbeit in Seminar und Schule Einzug gehalten haben, Ideen, die in den Vordergrund stellen: Schüleraktivität, konstruktive Zusammenarbeit unter den Lernenden, Verantwortung für das eigene Lernen sowie Verantwortung für die Lernprozesse und Ergebnisse der Gruppen, in und mit denen man arbeitet und lernt.

 

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