Mit dem Lehren aufzuhören ist eine schwere Kunst

Ich hab es bis heute nicht geschafft (obwohl mit dem  30. April 2015  meine aktive Dienstzeit als Lehrer und Seminarausbilder endete). Denn ich arbeite weiter als Lehrbeauftragter, bis zum Sommersemester 2016 an der Universität Siegen, seitdem an der Universität zu Köln.

Version 2

Warum ein Lehrer Lehrer bleibt, wie und warum ich Lehrer geworden bin, was Lehren für mich eigentlich heißt,

das wird -so hoffe ich- im nachfolgenden Text (ein wenig) deutlich(er).

Im April 2015, auf der Verabschiedungsfeier des Zentrums für schulpraktische Lehrerausbildung in Siegen sicherte ich mir das „letzte Wort“:

 

„Jeder Lehrer muß lernen, mit dem Lehren aufzuhören, wenn es Zeit ist. Das ist eine schwere Kunst.“

Als wir die Gestaltung der Einladungskarte für das heutige Event überlegt haben, ist meine Frau beim Suchen im Internet auf dieses Brecht-Zitat gestossen und für uns beide war sofort klar, dass dieses Zitat paßt / trifft. Es trifft mich, betrifft mich, trifft auf mich zu. Literaturunbeflissen wie ich bin, wurde mir die Doppeldeutigkeit der Brechtschen Aussage erst nach weiterer Recherche klar.

Klar, die Kunst aufzuhören, etwas zu Ende zu bringen, beherrsche ich nicht; eigentlich war schon im September 2014 die Zeit dazu da, ich habe die Verlängerung meiner Dienstzeit um sieben Monate beantragt mit der Begründung, den angefangenen Jahrgang zu Ende zu bringen. Aber vielleicht war der wirkliche Grund, dass ich das Ende einfach nur aufschieben wollte oder dass ich unbedingt am Ende eine / diese Rede halten wollte, die aber im letzten Sommer noch nicht fertig war.

Ich hab mir also noch zusätzliche Zeit verschafft, um besser zu lernen, mit dem Lehren aufhören zu können.

Doppeldeutigkeit: ich hab gesucht, aus welchem Kontext das Zitat stammt und in Bertold Brechts „me-ti. Buch der Wendungen“ folgendes gefunden:

Die Wenigsten (Lehrer) sind imstande, sich zu gegebener Zeit von der Wirklichkeit vertreten zu lassen. Die Wenigsten wissen, wann sie mit dem Lehren fertig sind. Es ist freilich schwer, zuzusehen, wie der Schüler, nachdem man versucht hat, ihm die Fehler zu ersparen, die man selber begangen hat, nunmehr solche Fehler macht. So schlimm es ist, keinen Rat zu bekommen, so schlimm kann es sein, keinen geben zu dürfen.

In diesem Kontext bekommt das erste Zitat einen ganz anderen Sinn. Der Lehrer als Lehrer soll erkennen, wann er aufhören soll, zu lehren und Ratschläge zu geben. Dahinter steht die Überzeugung, dass der Mensch aus und durch eigene, gemachte Erfahrungen, auch durch eigene gemachte Fehler lernt.

Wenn ich es noch durch einen Gedanken ergänze, der so im Brechtschen Kontext nicht vorkommt, dass nämlich ein Ratschlag nicht nur ein wollgemeinter Rat, sondern immer auch ein Schlag ist, dann finde ich auch diese Deutung für mich treffend, da sie gleichsam meinen beliefs entspricht.
Theoretisch zumindest, denn ich muss zugeben, auch mit fällt es zuweilen sehr schwer, keinen Rat geben zu dürfen.

Insofern bin und bleibe ich Lehrer und werde / wurde häufig auch als solcher erkannt. Zu letzterem eine kleine Anekdote, die ich jetzt erzähle, obwohl einige von euch / ihnen sie schon kennen: zweite Hälfte des 90er Jahre, Westfalenstadion (damals hieß das noch so), Südtribüne; Borussia Dortmund spielt nach vorne, Michael Zorc treibt den Ball und spielt dann in die Füße des Gegners; hinter mir brüllt einer: Wechsel den Möller aus! Ich drehe mich um zu ihm und sage: Mensch, guck doch genau hin, das war nicht Möller, das war Zorc! Der Angesprochene sieht mich scharf an und sagt: „Lehrer. Halt die Klappe“.

An dieser Anekdote könnte man auch deutlich machen, warum selbst ein sehr treffender und richtiger Ratschlag nicht die erhoffte Wirkung hat: mein Gegenüber war überzeugt, dass Andreas Möller eine Pfeife war und deshalb sah er, was er sehen wollte; wahrscheinlich hat mein guter Rat ihn noch in seiner (falschen) Überzeugung gestärkt.

(…)

Redetext komplett: rede_april_30_v02

 

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